Polaris

Mit einer Hand voll Dollar und vielen Ideen fiinden sich vor über 60 Jahren drei Männer zusammen, um eine Firma zu gründen, die heute ein Global Player in der Produktion von ATVs, Motorschlitten und Motorrädern ist. Die Rede ist von Polaris Industries. Doch in den Anfängen war man noch weit weg von den heutigen Produkten.
Es ist 1945. Der junge Edgar Hetteen will seine Idee, Telefonpfähle mit Hilfe einer elektrischen Winde und eines Krans auf einem Pick Up aufzustellen, verwirklichen. Es scheint eine perfekte Geschätsidee zu sein. Doch wie bei so vielen Geschäftsanfängen bedarf es auch finanzieller Mittel. Und die sind rar im Hause Hetteen. Denn Edgar Hetteen, Sohn einer schwedischen Einwanderer Familie in der ersten Generation, wächst auf einer Farm in der Nähe der Stadt Roseau/Minnesota auf. In der achten Klasse schmeißt er die Schule, um in der Landmaschinen Werkstatt seines Onkels zu helfen. Bevor er zur Verwirklichung seiner Idee mit den Telefonpfählen kommt arbeitet er als Schweißer, Mechaniker und bei der Straßenmeisterei.
Um das Geld für die eigene Geschäftsidee aufzubringen gewinnt er Farmer, die er aus seinem bisherigen Berufsleben kennt. Mit deren Vorausszahlungen für künftige Reperaturen kauft er das ehemalige Tanzsaal Gebäude in Roseau. Über Kontakte organisiert er Metall und notwendige kleine Maschinen für seine Produktion. Doch die bringt nicht viel ein und so wendet sich Hetteen an seinen Freund David Johnson, der noch in der US Marine seinen Dienst tut. Johnson überweist Hetteen jeden Monat elf Dollar seines 21 Dollar hohen Solds und wird so sein erster Partner. Als Hetteens jüngerer Bruder Allan 1948 sein Abitur macht steigt er als dritter Partner in die Firma ein. Die nennt sich noch Hetteen Hoist&Derrick (Winden&Kräne). Doch um zu überleben ist die Firma gezwungen alles zu reparieren was anfällt. Das aber erfolgreich. So entwickeln die drei Maschinen und Geräte, die die Arbeit der Farmer leichter machen. Dazu zählen Sähmaschinen, Düngemittelspritzen und mobile Förderbänder. Der Hetteen Strohhäcksler wird zum Verkaufsschlager. 1954 hat die Firma Hetteen Hoist&Derrick bereits 30 Mitarbeiter. Edgar Hetteen beschließt, dass es Zeit ist den Firmennamen zu ändern. In seinen Memoiren erklärt Hetteen: “Wir haben den Namen in Polaris Industries geändert. Polaris ist der lateinische Name für den Nordstern und wir waren mit unserer Firma in Roseau, nahe der kanadischen Grenze, soweit nördlich wie man nur sein konnte. Industries deshalb, weil man unter diesem Begriff einfach alles produzieren konnte, was wir wollten ohne sich auf etwas Besonderes festlegen zu müssen”.
Neujahr 1955/56. Es ist tiefer Winter in Roseau und die ruhigere Geschäftszeit erlaubt den Brüdern Hetteen, Verwandte in Kalifornien zu besuchen. Deren dreiwöchige Abwesenheit nutzen David Johnson und zwei seiner Mitarbeiter, Paul Knochenmus und Orlen Jonson, zum Bau des ersten Polaris Schneemobils. Johnson ist wie viele seiner Zeitgenossen ein Outdoorman. Jagen gehen, Skifahren oder einfach die winterliche Natur genießen. Doch mit Schneeschuhen unterwegs zu sein ist sehr mühselig. Daher die Idee, einen motorisierten Schlitten zu bauen. Die Antriebskette stammt von einem ihrer Förderbänder, als Skier werden die Stoßstangen eines alten Chevys zurechtgebogen. David Johnson, dem bei der Montage des Schlittens ein Motorenteil den Fuß verletzt, wird durch Orlen Johnson als erster Testfahrer ersetzt. Ein 9 PS starker B&S Motor treibt das wahnsinnig schwere Schneemobil mit fast 6 km/h durch den Schnee - wegen der schwergängigen Lenkung direkt in eine Schneewehe hinein, wo es steckenbleibt. Es ist der 10. Januar 1956. Johnson und seine beiden Mitarbeiter machen sich sogleich an die Verbesserung ihres Spielzeugs. Als die Hetteens eine Woche später zurück kommen sind sie entsetzt, dass die Drei, statt den Betrieb weiterzuführen und Geld für das Unternehmen zu verdienen, sich mit dem Bau eines Schneemobils befasst haben. Johnson soll das Mobil schnellstmöglich wieder loswerden. Während besonders Edgar Hetteen noch Tage nach der Rückkehr nicht besonders gut auf das Schneemobil zu sprechen ist, passiert das Unfassbare. David Johnson verkauft tatsächlich das erste Polaris Modell.

Pete Peterson, der eine Holzhandlung auf der gegenüberliegenden Straßenseite von Polaris Insdustries hat erwirbt das Gerät für 475 Dollar. “Er war der perfekte Tester für uns”, erinnert sich Johnson viele Jahre später. “Ständig mussten wir raus, um irgendetwas an dem Motorschlitten zu reparieren. So kam es, dass ich Edgar vom Bau eines zweiten Modells zum Abschleppen überzeugen konnte, denn die Reparaturen, zu denen wir nur mit Schneeschuhen ausrücken konnten, verschlangen enorm viel Zeit”. In den nächsten drei Jahren steigern sich die Verkäufe der Polaris Motorschlitten von fünf auf 300 Stück. Die ersten Modelle tragen die Namen Sno-Cat und Sno-Travelar.
Polaris steigt bis Anfang der 60er Jahre aus dem ursprünglichen Geschäft der landwirtschaftlichen Gerätschaften aus, doch nicht ohne innere Kämpfe. Die Personenfirma ist mittlerweile eine Gesellschaft geworden mit Sitz in Roseau. Die Hetteen Brüder und auch David Johnson sind weiterhin, von einem Firmenvorstand kontrolliert, die Geschäftsführer. Doch nicht alle im Aufsichstrat teilen die Begeisterung der drei Geschäftsführer mit den Motorschlitten. Warum ein gut laufendes, sicheres Geschäft wie den Landmaschinenhandel aufgeben und ein risikoreiches neues beginnen? Edgar Hetteen entschließt sich, nach einem Gespräch mit dem Buschpiloten Rudy Billberg, einem guten Freund aus Kindertagen, der in Alaska lebt, die Zuverlässigkeit der Polaris Mobile zu beweisen. Denn diese haben sie durch viele Testfahrten in den letzten Jahren deutlich gesteigert.

Am 4.März 1960 brechen Hetteen, Billberg und seine Frau sowie Polaris Mitarbeiter Earling Folk von Bethel zu einer fast 2.000 Kilometer langen Fahrt durch die Wildnis Alaskas Richtung Fairbanks auf. 21 Tage sind sie den Naturgewalten ausgesetzt. Schneestürme, Minusgrade, Abschnitte ohne Schnee, Abschnitte mit Wasser statt Eis und auch mechanische Probleme säumen ihren Weg. Doch Edgar Hetteen und seine Mannschaft halten durch. Ihm wird erst am letzten Tag vor Erreichen des Ziels in Fairbanks klar, wie er später sagt: “Es war auf der rauhen unebenen Schneedecke in Sichtweite von unserem Ziel, dass ich die Zukunft sah. Die Maschinen würden ein Erfolg für Polaris werden. Was ich nicht wusste, war wie groß dieser Erfolg sein würde”. Landesweit griffen die Medien die Geschichte des Polaris Alaska Abenteuers mit Begeisterung auf. Die einzigen, die nicht begeistert schienen, waren immer noch Teile des Firmenvorstandes. Sie bezeichneten Hetteens Abenteuer als kostspielig mit keinem Mehrwert für die eigentliche Geschäftstätigkeit von Polaris. Zwei Monate später hatte Hetteen einen Käufer für die Polaris Produktion von Schneemobilen gefunden. 150.000 Dollar war der bereit zu investieren. Diese Zahl präsentierte er im Sommer 1960 dem Vorstand. Der erkennt erst jetzt den Wert der neuen Fahrzeuge. Man verkauft nicht und konzentriert sich ab dann auf die Produktion der Motorschlitten. Doch zu spät. Hetteen erklärt in der gleichen Sitzung er werde Polaris verlassen. Er verkauft seine Anteile und zieht nach Alaska wo er einen Neustart mit dem Aufbau einer Fluggesellschaft wagen will. Sein Bruder Allan übernimmt ab diesem Zeitpunkt für die nächsten zehn Jahre die Führung als oberster Geschäftsführer von Polaris. Er stirbt 1973 bei einem Unfall.
Edgar Hetteens zweiter Aufenthalt in Alaska verläuft nicht wie geplant erfolgreich. Und so nimmt er nur wenige Monate später das Angebot einer Investorengruppe angeführt von L.B. Hartz, einem erfolgreichen Nahrungsmittel Broker und Supermarktketten Besitzer, an. In Thief River Falls, 100 Kilometer südlich von Roseau entfernt, kauft er ein ehemaliges Lagergebäude und beginnt mit der Produktion von Motorschlitten. Seine Firma nennt sich Polar Manufacturing Company. 1962 wird sie in den Namen Arctic Cat tragen.
Der Schneemobilmarkt beginnt in den 60er Jahren in den USA stark zu wachsen. Die Geschäfstführer Allan Hetteen, David Johnson und Carl Wahlberg erkennen, das Polaris ein Volumen erreicht hat an dem sie mit ihren Fähigkeiten überfordert sind.
Sie wägen daher ab entweder erfahrene Manager an ihrer statt einzusetzen oder Polaris an einen großen Konzern zu verkaufen, der versteht, wie wichtig die Verbundenheit zum Standort Roesau für Polaris ist. Die drei entschließen sich zum Verkauf. Den idealen Konzern finden sie in Textron, der u.a. an der Produktion von Bell Hubschraubern beteiligt ist. Polaris erhält so neben einem professionellen Management auch notwendiges Geld für die Entwicklung ihres neuen Hauptgeschäftszweiges, den Schneemobilen. Zu diesem Zeitpunkt werden ein Vielzahl von Motorenmarken an den Fließbändern von Polaris verbaut. Es gibt zeitweise bis zu 20 Motorvarianten im Fahrzeug Programm. Ein Alptraum für Logistik und Händler. Ein wichtiger Schritt, der sich bis in die heutige Zeit für Polaris auswirkte ist deshalb die Gewinnung des japanischen Motorenherstellers Fuji Heavy Industries im Jahr 1969. Fuji baut nun exklusive Motoren passend für die Ansprüche der Polaris Designer. Ein paar Jahre später stammen 80 Prozent der bei Polaris verwendeten Triebwerke von Fuji.
Lagen die Schneemobilverkäufe 1968 noch bei etwa 68.000 Einheiten weltweit, so explodierten sie 1969 von 255.000 auf 425.000 in 1970. Es gab zu diesem Zeitpunkt weltweit rund 100 Motorschlitten Hersteller. Durch sportliche Erfolge bei verschiedensten Rennen wandelt sich das Image des Schneemobils vom Nutz- zum Freizeitfahrzeug.
Doch der Boom bricht in der Ölkrise der 70er Jahre Stück für Stück zusammen. Dazu kommen noch schneearme Winter und eine schwächelnde Wirtschaft. So schnell wie viele Firmen auf den Schneemobil Boom aufgesprungen sind, so schnell verlassen sie den Markt auch wieder. Nur wenige Firmen verbleiben. Dazu gehören der stärkste Konkurrent von Polaris, Bombardier mit einem Marktanteil von 40 Prozent. Der Rest verteilt sich auf Arctic Cat, Polaris, Scorpion, Sno-Jet, Harley Davidson, Johnson&Evinrude und einige japanische Hersteller. Anfang der 80er Jahre sind jedoch viele dieser Namen verschwunden. Nur noch 13 Hersteller existieren. Dazu zählt nicht mehr die von Etgar Hetteen gegründete Firma Arctic Cat. 1981, kurz vor dem 20. Firmenjubiläum geht Arctic Cat Inc. in den Konkurs. Aber auch für Polaris sieht es nicht gut aus. Die Verkäufe sind um 50 Prozent gesunken. Der Textron Konzern will sich von seinem ehemals profitablen Mitglied Polaris trennen. Ein Käufer wird 1980 gesucht und in Bombardier gefunden. Schon ist die neue Partnerschaft angekündigt, da meldet sich Arctic Cat zu Wort. Man will vor Gericht ziehen und die Legalität des Polaris-Bombardier Deals untersuchen lassen. Bombardier lässt noch vor den Gerichtsverhandlungen von seinem Übernahme Vorhaben ab. Doch der angeschlagene Polaris Konzern steht jetzt ohne einen Käufer da. Die Zukunft ist mehr als unsicher. Die Geschäftsführung unter W.Hall Wendel Jr. und andere gewichtige Geschäftsleute, die mit Polaris in den letzten Jahren zu tun hatten sowie Mitbegründer David Johnson, treffen sich und beschließen mit eigenem Kapital Textron Polaris abzukaufen. Am 21. Juli 1981 feiert man in Roseau den “Polaris Unabhängigkeitstag”. 1984 kehrt Edgar Hetteen zu Polaris zurück und nimmt die Position des Pressesprechers für den Bereich Schneemobil ein.

Den neu entstehenden Quad Markt zu betreten war für Polaris ein großer Schritt. Denn neben der Entwicklung und Produktion der Vierräder hatte Polaris gegenüber den finanzstarken japanischen Herstellern einen entscheidenden Nachteil. Das Händlernetz war nur in den US Staaten mit Schnee existent. Im für Quads wichtigen Südosten der USA kannte den Namen Polaris niemand. Vor einer erfolgreichen Vermarktung musste echte Pionierarbeit geleistet werden. So ist es nicht verwunderlich, dass bei diesem ersten schwierigen Prozess sogar Gebrauchtwagenhändler als Polaris Stützpunkte mit einbezogen wurden. Doch es funktionierte und Polaris macht die ersten erfolgreichen Schritte im Quad Segment. Im Gegensatz zur großen japanischen Konkurrenz mit Schaltgetriebe verwendet Polaris in seinem ersten Quad, dem Trail Boss 250, ein CVT-Automatik Getriebe so wie den Schneemobilen. “Das wird der Quad Markt niemals akzeptieren. Der Kunde will Gänge schalten”, waren nur einige der höflichen Kritiken. Doch Polaris überzeugt seine Kunden mit der wesentlich einfacheren Handhabung eines solchen CVT angetriebenen Quads. Jahre später führt jeder Quad Hersteller überwiegend Automatikgetriebe in seinem Quad und ATV Programm. Als der Trail Boss am 21. Juli 1984 offiziell zum 30ten Polaris Jubiläum vorgestellt wird ist er mit für uns heute selbstverständlichen Neuerungen ausgerüstet. Gepäckträger, Trittbretter statt Fußrasten, und einer effektiven Front Federung und dem CVT-Getriebe. Die Quad Modellpalette entwickelt sich langsam aber stetig weiter. 1987 gibt es das Trail Boss Modell mit Allradantrieb. 1989 stellt Polaris den Big Boss 250 4×6 mit drei Achsen vor. 1991 ist der Big Boss mit 6×6 Allrad erhältlich. Es folgen Modelle wie Trail Blazer, Sport, Xplorer, Scrambler und Xpress. Doch das markanteste Polaris ATV Modell ist die 1995 vorgestellte Sportsman 500. Bahnbrechend ist der Fahrkomfort hauptsächlich durch die Einzelradaufhängung vorne und hinten und die damit einhergehende bis dato ungekannte Bodenfreiheit. Obendrein besitzt die Sportsman 500 den größten und stärksten Motor auf dem Quad Markt. Erst 1998 zieht Yamaha mit der Grizzly 600 nach. Bisher hat sich das Sportsman ATV über eine Millionen Mal verkauft.

Neben den Quads und ATVs produziert Polaris die Ranger und Razer Side by Side Familie sowie die Sportlinie Predator. Seit 1998 werden auch die Victory Zweiräder in den Werken von Polaris montiert. Dem Hauptgeschäft der Schneemobile ist Polaris all die Jahre mit all ihren Höhen und Tiefen treu geblieben. Auch zwei der drei Gründer sind noch aktiv für Polaris. Edgar Hetteen und sein Freund David Johnson geben sich bei verschiedenen Polaris Ereignissen die Ehre und erzählen von den doch so anderen Anfängen der Firma Polaris.






