Iron Man Klasse -Endurance Day Torgau 2009

Wie hält man das überhaupt durch? 12 Stunden auf dem ATV. Das war wohl die wichtigste Frage für mich vor dem Endurance Day in Torgau. Die Antwort darauf habe ich während dem Wettkampf gefunden. Aber auch andere interessante Erkenntnisse ließen sich in Torgau unterwegs gewinnen.
Im Gegensatz zu der schnellen Endurance Day Strecke am Tropical Island 2008 mit einer nicht enden wollenden Staubwolke wies die Strecke in Neiden/Torgau einen großen Waldanteil mit sehr abwechslungsreicher Streckenführung auf. Auch der Staub war kein Thema. Hatte es doch in den Tagen zuvor ordentlich geregnet – ja selbst am Tag vor dem Start gab es immer wieder ergiebige Schauer. Zum Rennen selbst von Freitag Nacht auf Samstag blieb es dann aber trocken.
Bereits am Donnerstag war ich angereist. In aller Ruhe wollte ich diesen, meinen längsten Quad-Tag bisher, angehen. Zunächst sollte natürlich meine Neugier auf die Streckenführung befriedigt werden. Je weiter ich mich vom Startpunkt entfernte, desto mehr war ich von der Streckenführung begeistert. Dieser Endurance Day war nach meinem Geschmack. Wenig Crossstreckenanteil. Dafür Waldpfade ohne Ende. Eine echte Chance also auch mit dem ATV vorne mit dabei zu sein. Die Krönung dann kurz vor dem Ziel: Die Durchfahrt im Erdgeschoss und ersten Stock zweier ehemaliger NVA-Kasernengebäude. Irre!
Freitag morgens. Eine lange Autoschlange vor dem Tor der ehemaligen NVA-Liegenschaft, auf dem der E-Day ausgetragen wurde, erwartet mich. Offizieller Einlass ist um 10 Uhr. Nach gut einer Stunde bin ich mit dem Brandenburg Team, dem ich mich zwecks Unterstützung bei meinem Iron Man Versuch angeschlossen hatte, drin. Die Stellflächen sind begrenzt. Dennoch schafft es die Organisation vor Ort rund 130 Quads samt Unterstützungstross in drei nicht weit voneinander entfernten Fahrerlagern unterzubringen. Gleich im Anschluss geht es für die Teams zum Abstecken der Teamboxen in die Wechselzone. Um 17 Uhr dann der nächste offizielle Programmpunkt: Die Papier- sowie technische Abnahme steht an. Bei den Iron Man Teilnehmern muss zusätzlich ein ärztliches Attest über die körperliche Belastbarkeit vorgelegt werden. Danach heißt es nur noch die Zeit bis zum Start um Mitternacht zu überbrücken. Das ist nicht leicht, denn die knisternde Atmosphäre von „Ich will endlich fahren“, liegt wie eine schwere Wolke über den Fahrerlagern. Und so verwundert es auch nicht , dass während die Einen durch Grillen und Spaghetti Essen ihre Nervosität im Zaum halten, andere wie aufgescheuchtes Hühnervieh mit Minibikes und Miniquads den Lärmpegel des Stromerzeugerorchesters zusätzlich verstärken. Irgendwie habe ich auf einmal das Lied von Reinhard May … Keine ruhige Minute ist seitdem mehr für mich drin … auf den Lippen.
Aufgrund der Gefährdung bei Dunkelheit unterwegs zu sein, entscheidet man sich von Seiten der Organisation richtigerweise zu einer Einführungsrunde mit anschließendem fliegenden Start aus der Zählstelle heraus. Im großen Tross geht es jetzt über die Strecke. Im Wald verliere ich dann vor lauter Kurven, Zick-Zack und Ecken die Übersicht. Egal. In fünf Stunden ist es hell. Ein kleiner Schauder geht mir über den Rücken, als wir durch die langen Flure der Kasernengebäude fahren. Nur wenige Zentimeter trennen die XP und mich von den Wänden. Dafür bollert der Zweizylinder, vielfach um das Eche verstärkt, unter mir umso schöner. Die Transponderstation am Ziel ist erreicht und nun beginnen sie, die 12 Stunden von Torgau.
An der Polaris XP habe ich nur die Lampen inklusive Arbeitsscheinwerfer am Lenker angebracht. Alle drei Lampen liefern in den Stunden der Dunkelheit eine hervorragende Ausleuchtung. Besonders der Arbeitsscheinwerfer am Lenker ist eine echte Hilfe auf den engen Waldpfaden mit ihren unendlich vielen Kurven. Die Technoflex Federung ist den Streckenverhältnissen entsprechend angepasst. Und wie gut, denn schon zum Morgengrauen verwandelt sich die Strecke stellenweise in ein Meer aus Löchern und Kratern. Runde um Runde werden die obendrein immer tiefer.
Das Rennen ohne ein wenig Strategie anzugehen ist wenig effektiv. Denn dann, wenn es in den letzten Stunden besonders hart wird, gibt es nur den Plan, der sich dem inneren, rebellierenden, Schweinehund entgegenstellt – wenn man sich denn dran hält. Es ist mein erster Ironman. Erfahrungswerte bisher also: keine. So habe ich mir einen theoretischen Plan zurechtgelegt, der lediglich die Anzahl der zu fahrenden Runden und die Länge der dazwischen liegenden Pausen festlegte. Jederzeit lässt er sich ergänzen, wenn es doch nicht so läuft, wie gedacht war. Eine Runde dauert tatsächlich aber plus-minus 16 Minuten. Am Anfang eher noch länger, weil sich an Schlüsselstellen immer wieder kleinere Staus bilden. Ich entscheide mich trotzdem an meiner drei Rundenstrategie mit kurzer zehnminütiger Pause festzuhalten. Um kurz nach 4:00 Uhr lege ich die erste größere Pause zum Essen und Ausruhen ein. Schon in den Pausen zuvor habe ich gemerkt, dass es hilfreich ist, den Körper nur bis zu einem gewissen Punkt ausruhen zu lassen. Nämlich höchstens solange, bis er sozusagen noch ein wenig in Bewegung beim erneuten Losfahren ist. Diese Zeit liegt bei mir etwa zwischen maximal 12 und 18 Minuten. Danach spätestens wollte der Körper zu einer ausgiebigeren Ruhe absacken (siehe Bild oben).
Was gab es zu Essen und zu Trinken? In diesem Bereich hat wohl jeder seine eigenen Vorlieben. Bei mir ist es zwischendurch eine Mischung aus Rosinen und gesalzenen Erdnüssen, gelegentlich eine leichte Portion Müsli mit ganz fettarmer Milch, Multivitaminsaft und viel Wasser mit Geschmack. Anstatt Kaffee oder Tee gönne ich mir zwischendurch ein guten Schluck Rockstar. Ein Erfrischungsgetränk mal nicht vom gefärbten Bullen, doch mit ähnlich beflügelnder Wirkung. Zwei Proteintrinks runden meine Ironman-Nahrung ab. Vor direkter Nachahmung rate ich allerdings ab. Im persönlichen Training vorher muss jeder individuell diese Dinge auf die eigene Magenverträglichkeit prüfen.
Es ist nach 6 Uhr morgens. Halbzeit im Rennen. Zum ersten Mal ist im Wald ausreichend Tageslicht. Ab jetzt sind meine Scheinwerfer nur noch bei gelegentlichen Überholmanövern an aus Aufmerksamkeitsgründen für den zu Überholenden. Dazu benutze ich statt Hupe ein freundliches „Hejohh“ und belohne den Überholten mit einem lauten „Danke“. Anstandslos wird Platz gemacht – ab Mitte des Rennens ist das die Regel, vorher ist wohl jeder zu stark mit eigenen Positionskämpfen beschäftigt. Die XP läuft rund wie ein Schweizer Uhrwerk. Trotz diversen Treffern am Bodenschutz durch Baumstümpfe geht es ohne Schaden voran. Dann der erste Platten. Hinten rechts ist die Flanke minimal aufgeritzt. Schnell in die Box. Reifenwechsel durch das Team. Ich gönne mir derweil einen Schluck aus der Vitaminpulle und werfe ein paar Rosinen nach. Weiter geht’s. Unterwegs halte ich Ausschau, nach dem, was die Reifenpanne verursacht hat. Nach einer weiteren Runde mache ich den Reifenschädling ausfindig. Eine Steinplatte mit sehr scharfer Kante ragt genau in die ausgefahrene Spur. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt – doch wenig später gibt es einen Plattfuß auf der gegenüberliegenden Seite. Nur gut, dass jede Menge Ersatzreifen vorhanden sind. Doch es soll noch dicker kommen. Es ist kurz vor 10 Uhr. Das Rennen geht in seine wohl letzte entscheidende Phase. Von Platz 5 in meiner Klasse habe ich mich auf Platz 4 nach vorne gearbeitet. Das Polaris ATV läuft weiterhin einwandfrei, mein Körper signalisiert keine Erschöpfung. Ich blase also zur letzten Attacke. Rein rechnerisch reicht es bei entsprechender Rundenzeit für den dritten Platz auf dem Treppchen. Mein heimliches Ziel, beim ersten Ironman mit dem ATV gegen eine große Quadübermacht. Die Stecke gleicht jetzt einem Kraterfeld. Beim letzten Stopp habe ich das bisher tadellose arbeitende Technoflexfahrwerk nocheinmal um zwei Klicks in der Druckstufe härter verstellt. Und ab geht die Post. Doch dann streift mein linkes Vorderrad eine einfache dünne Birke, der Polaris Panzer fällt auf die Seite und ich mache den Abgang. Normalerweise wäre ich bei der relativ geringen Geschwindigkeit nur ein wenig abgerollt und wieder aufgestiegen. Doch die Kunst sich zwischen Bäumen hindurch zu rollen beherrsche ich (noch) nicht. Ich merke nur noch das meine rechte Seite gegen etwas hartes schlägt. Autsch. Wars das? Doch nicht jetzt, gerade vor dem Ende des Rennens! Ich stelle die Polaris wieder auf ihre vier Räder – sie liegt nur auf der Seite. So, und weiter geht’s – doch nicht so schnell wie ich das gerne hätte. Die rechte Seite schmerzt, wo das Protektorhemd die Brust ungeschützt lässt. In der Box fahre ich raus -obendrein hab ich mir auch noch den linken Vorderreifen platt gefahren. Die Crew wechselt den Reifen ruckzuck – und hat noch keine Ahnung was passiert ist. Nur noch 30 Sekunden bis zum dritten Platz sind aufzuholen. Doch während ich wieder rausfahre weiß ich, dass das nichts mehr wird. Jetzt nur noch die Runde beenden. Ist eh nur ne Prellung, die weh tut und Luft bekomme ich auch schon wieder ordentlich. Doch von meinem eben noch so flüssigen Fahrstil ist aber auch rein gar nichts übrig geblieben. Zuschauer, die sich schon seit einigen Runden mit ihrem Handy abmühen ein ordentliches Foto von mir an den Sprunghügeln zu schießen, setzten ihre Kamera wieder ab und schauen mir verwundert hinterher. Hätte ich auch getan, bei dem Schneckentempo mit dem die XP nun durch die Gegend zuckelt. Würde es nicht so weh tun, würde ich wohl Tränen unter dem Helm gelacht haben, als mich dann das komplette Feld überholt. Ich mache, soweit das geht, ordentlich Platz und die Vorbeifahrenden schreien dann immer wieder laut hörbar „Danke“. Ich meine auch, das ein oder andere Hejo zu hören. Diese Freundlichkeit, einfach sportlich fair. Schließlich schaffe ich es auch durchs Ziel, kaum noch einer da. Ich komme kaum mit dem Transponder zur Tafel um meine letzte Runde computerunterstützt notieren zu lassen. Beim Ausrollen in die Boxengasse steuere ich gleich den erst besten Sanitätsbulli an. Ende Gelände.
Seit mehren Tagen sitze und liege ich nun hier in meinem Krankenzimmer in Torgau mit tollem Blick auf eine der städtischen Brücken, auf denen ich viele von euch habe am Wochenende nach Hause fahren sehen. Ein paar gebrochene Rippen verhindern derweil meine eigene Heimfahrt. Ich nutze so die Zeit diesen ausführlichen Tagebucheintrag zu schreiben. Und der Plan für den nächsten Ironman ist auch schon fertig. Diesmal aber mit etwas mehr Erfahrungshintergrund und anderem Protektorhemd.









